Buch-Details   
Titel:
Philosophia, Historia, Technica
Caspar Schotts Magia Universalis

Autor:  Dietrich Unverzagt
Sprache:  Deutsch / German
Prüfungsjahr:  2000
Erscheinungsjahr:  2000
Seitenzahl:  346
ISBN:  3-89825-107-1
Hochschule:  Technische Universität Berlin
Gutachter:  Prof. Dr. Eberhard Knobloch, Prof. Dr. Jean Dhombres
Fachgebiet: 
 Geschichte
Suchbegriffe:  Athanasius Kircher, Wissenschaftsgeschichte, 17. Jahrhundert, Jesuiten, Magie, history of science, 17th century, jesuits, magic
Band Nr.:  207
Katalog:  Dissertation
Reihe:  Dissertationen
Ausstattung:  CLASSIC
Herausgeber  dissertation.de - Verlag im Internet GmbH
Buch-Preis:  40.39 EUR
PDF-Preis:  24.03 EUR
 
 
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Zusammenfassung: Der Verfasser einer Geschichte der Wissenschaftsgeschichte könnte wohl innerhalb der Disziplin neben verschiedenen methodischen Ansätzen auch verschiedene geschichtsphilosophische Grundpositionen konstatieren. So wird etwa die Entwicklung der menschlichen Bemühungen zur „Erkenntnis” der Natur als die Geschichte eines linearen Fortschritts dargestellt, der ausgehend von primitiven, irrationalen und abergläubischen Vorstellungen schließlich mit dem Triumph einer rationalen „mechanistischen” Weltsicht im Europa der Neuzeit endete. In dieser Tradition steht E.J. Dijksterhuis Buch „Die Mechanisierung des Weltbildes”, ein Werk, das schon im programmatischen Titel die Wissenschaftsgeschichte eben genau im Sinne eines „Fortschritts” hin auf ein „mechanisiertes” Weltbild deutet und die Geschichte mit dem 17. Jahrhundert und Newton abschließt, da mit diesem Jahrhundert sich eben das „moderne” Weltbild etabliert habe. Eben dieses 17. Jahrhundert, das Zeitalter der „Scientific Revolution” mit seinen „Helden” Bacon, Galilei, Huygens, Descartes und Newton, stellt dann eine Scheidelinie zwischen einer vormodernen, irrationalen und der modernen, rationalen Weltsicht dar: im mechanistischen Denken Descartes’ existieren nur Materie und Bewegung, und die Welt wird von deterministischen mathematischen Gesetzen beherrscht.

Eine andere Richtung der Wissenschaftsgeschichtsschreibung richtet ihr Augenmerk hingegen auf, aus heutiger Sicht, Obskuritäten und Kurioses, auf Diskontinuitäten und Widersprüche. So befand sich in der Bibliothek Isaac Newtons eine große und eifrig studierte Auswahl alchemistischer und prophetischer Werke. Daneben wurden auch die alchemistischen Experimente Newtons sowie seine theologischen Versuche einer Interpretation der Apokalypse des Johannes bekannt. Schon 1947 konnte J.M. Keynes von Newton behaupten, er sei nicht der erste des Zeitalters der Vernunft gewesen, sondern der letzte Magier. Mc Guire und Rattansi bemerkten: „Sir Isaac Newton, however, was not a ‘scientist’ but a Philospher of Nature” Frances Yates verknüpfte die Entstehung der Royal Society mit der mysteriösen Bewegung der Rosenkreuzer zu Beginn des Jahrhunderts und John Dee, die sich auf einen reichen Schatz magischer, kabbalistischer und alchemistischer Gedanken beriefen. Die „neue” Experimentalwissenschaft nach Bacon vertrat zwar das systematische, methodische Experimentieren, im konkreten Falle konnten Ergebnisse aber widersprüchlich und verwirrend sein oder, etwa in der Medizin, zur Stützung der Theorien Galens gegen „neuere” Heilmethoden dienen.

In diesem Zusammenhang erscheint die Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts also alles andere als homogen. Neben Atomisten wie Gassendi und rationalistischen, mathematisierenden Naturphilosophen wie Descartes standen Alchemisten wie Michael Maier oder Oswald Croll. Darüber hinaus existierte neben der mechanistisch orientierten Wissenschaft und der aus der Renaissance stammenden neuplatonischen Magie teilweise unverändert an den Universitäten die aus dem Mittelalter stammende Scholastik mit ihrem Aristotelismus weiter. Gerade im Lehrplan der Jesuiten, der „Ratio Studiorum”, war der Aristotelismus als gängige Philosophie vorgeschrieben. Gegensätze und Brüche einerseits, eklektische Vermischung andererseits kennzeichnen die Werke der verschiedensten Autoren. Es verwundert daher nicht, wenn die Urteile über Personen, die man im heutigen Sinne oft zugleich als Gelehrte, Philosophen, Wissenschaftler und/oder Scharlatane einstufen würde, stark divergieren. John Webster, der im Jahre 1654 eine grundlegende Reform der englischen Universitäten vorschlug, wird von den Einen als wichtigster Vertreter der neuen wissenschaftlichen Methode zwischen Bacon und der Restauration eingestuft, von den Anderen hingegen als ignoranter Kritiker, der Magie und eine merkwürdige Mischung aus Wissenschaft und Aberglauben befürwortete.

Problematisch erscheint darüber hinaus der Begriff einer „Scientific Revolution” im 17. Jahrhundert auch bei Betrachtung der verschiedensten Zweige der Naturwissenschaften. Zweifellos hatte sich mit Galilei, Descartes, Huygens und Newton eine „Physik” als mathematisierte Wissenschaft von bewegten Körpern, sei es im Himmel, sei es auf der Erde, entwickelt die sich damit grundsätzlich vom aristotelischen Begriff einer „Physica” unterschied; ob eine derartig scharfe Zäsur jedoch auch in anderen Bereichen der späteren Naturwissenschaften stattfand, erscheint durchaus fraglich. So wirkte etwa der Begründer einer quantitativ exakt messenden Chemie, Lavoisier, erst im 18. Jahrhundert.

Auf diesem Hintergrund erscheint es somit lohnenswert, nicht nur die Entwicklung einzelner Wissensgebiete oder einzelner Probleme in ihrem zeitlichen Verlauf diachron, quasi im Aufschnitt, zu studieren, sondern zu versuchen, für das Zeitalter, dem die moderne Spezialisierung noch fremd war und das ja noch nach einer großen Gesamtschau und Universalphilosophie strebte, Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichsten Gebieten quasi im Querschnitt und synchron zu betrachten, und einen Begriff von der „Forschungsmetalität” und dem geistigen Klima der Zeit zu entwickeln. In dieser Perspektive gewinnen die Werke von vielseitig interessierten Gelehrten wie Athanasius Kircher, die verschiedenste Aspekte aus Wissenschaft, Kunst, Technik, Philosophie und humanistischer Gelehrsamkeit zu vereinen trachten, an Bedeutung. Freilich ist die Gesamtheit der Publikationen Kirchers schon allein aus Gründen des Umfangs kaum zu überblicken. Die von Kirchers Schüler Caspar Schott verfasste Magia universalis fasst jedoch, trotz einiger Meinungsunterschiede zwischen Kircher und Schott in Detailfragen, die großen Themenbereiche Kirchers zusammen und versucht damit eben einen „universellen”, allumfassenden Blick über die verschiedensten Gebiete darzubieten.