| Abstract: | Deutsch Die Dissertation stellt einen neuen Forschungsansatz zur Frage nach dem Verhältnis zwischen einer Komposition und ihrer musikalischen Interpretation vor. Inwiefern können theoretische Analysen als Grundlage für interpretatorische Gestaltungen dienen? Adorno betrachtete die Analyse als unabdingbare Voraussetzung einer Interpretation. Verschiedene Forschungsströmungen innerhalb der Performancetheorie sehen in der Vermittlung der Struktur für den Hörer eine wesentliche Aufgabe des Interpreten. Die Dissertation untersucht das Verhältnis zwischen Analyse und Interpretation mithilfe eines experimentellen Ansatzes. Computergestützte Interpretationen wurden auf der Grundlage von musikalischen Analysen erstellt und innerhalb von Hörexperimenten bewertet. Dieser experimentelle Ansatz wurde durch die RUBATO Software für Musikalische Analyse und Performance realisiert. Sie modelliert die Transformation von analytischen Daten in interpretatorische Gestaltungen, wobei computergestützte Interpretationen entstehen.Die Dissertation untersucht den Zusammenhang zwischen Analyse und Interpretation anhand metrischer Strukturen. Sie führt einen Begriff von metrischer Kohärenz ein, welcher aus dem mathematischen Modell der inneren metrischen Struktur (implementiert in RUBATO) erwächst. Die innere metrische Struktur untersucht die durch die Noten einer Komposition ausgedrückte metrische Struktur, ohne dabei die mit der Taktart gegebenen Informationen zu berücksichtigen. Sie ist unterschieden von der äußeren metrischen Struktur, welche die mit den Taktlinien und der Taktart gegebene metrische Hierarchie bezeichnet. Im Ergebnis der Analyse wird jeder Note ein metrisches Gewicht zugeordnet. Der Begriff der metrischen Kohärenz beschreibt eine Korrespondenz zwischen innerer und äußerer metrischer Struktur in unterschiedlichen Abstufungen. Die umfangreiche empirische Arbeit mit dem Modell erbrachte einen höheren Grad an Kohärenz in solchen Werken der Musikgeschichte, die als typische Vertreter des Taktakzentes gelten. Desweiteren wurden metrische Ambiguitäten, wie beispielsweise in den Werken von Johannes Brahms, als Diskrepanz zwischen innerer und äußerer metrischer Struktur beschrieben. Die Dissertation geht im weiteren der Frage nach, inwiefern metrische Analysen als Grundlage für Interpretationsvorschläge dienen können. Dies schließt die Diskussion theoretischer Ansätze (z.B. Riemanns) ein, um die Fragen, Methoden und Ergebnisse der Performancetheorie zu den Experimenten mit RUBATO in Beziehung zu setzen und zu testen. In einem ersten Versuch wurden komplexe Interpretationen für zwei Klavierstücke auf der Grundlage verschiedener analytischer Gewichte gestaltet. Sie wurden auf einem Yamaha-Diskflügel abgespielt und in Hörexperimenten hinsichtlich ihrer musikalischen Angemessenheit bewertet. Um eine präzise Beschreibung der Frage zu ermöglichen, inwiefern metrische Gewichte zur Generierung von Interpretationen geeignet sind, welche die metrischen Strukturen dem Hörer sinnstiftend vermitteln, wird ein weiteres Hörexperiment beschrieben, welches eine Gehörbildungssituation simulierte. Den Versuchsteilnehmern wurden Trommelrhythmen in unterschiedlichen Betonungsstrukturen vorgespielt, welche durch metrische Gewichte unterschiedlichen Kohärenzgrades erzeugt worden waren. Im Ergebnis des Versuches konnte ein Zusammenhang zwischen der metrischen Kohärenz und dem Verstehen der zugehörigen Interpretation durch die Hörer ermittelt werden. Metrische Gewichte mit einem höheren Grad an metrischer Kohärenz führten zu einer überzeugenderen Interpretationsvariante bezüglich der Frage nach der Strukturverdeutlichung. Dieses Resultat kann als Indiz für die Beziehung zwischen der analytischen Struktur des Notentextes und dem Verstehen der musikalischen Interpretation durch die Hörer verstanden werden, welche durch die analytische Interpretation vermittelt wurde. Das Modell der inneren metrischen Struktur zielt nicht primär auf die Beschreibung von Wahrnehmungsprozessen, sondern auf die Beschreibung der Strukturen des Notentextes. Insofern ist der Begriff der metrischen Kohärenz der Musiktheorie zuzuordnen, der durch die Anwendung auf unterschiedlichste kompositorische Stile empirisch getestet wurde. Die im Ergebnis der Hörexperimente aufgezeigte Beziehung zwischen der Analyse des Notentextes und dem Verstehen durch die Hörer stellt eine weitere Brücke zur empirischen Forschung her. Die analytische Interpretation trägt daher zu aktuellen Bestrebungen innerhalb der Musikwissenschaft bei, die Lücke zwischen empirischen Studien ohne angemessenen theoretischen Hintergrund und komplexen theoretischen Modellen, die aufgrund ihrer Komplexität einer empirischen Überprüfung schwer zugänglich gemacht werden können, zu schließen. Englisch The dissertation introduces a new research approach on the relationship between a musical composition and its performance. In how far may music theoretical analyses serve as a basis for decisions about the musical performance of the piece? Adorno argued that an analysis of the composition is an essential prerequisite of its performance. Various studies have contributed to a promising approach within performance theory, which defines the performer’s role in the following way. The task of the performer is to elucidate the structure of a piece of music to the audience, in other words, to communicate his understanding of the piece to the listener. The dissertation investigates the relation between analysis and performance by discussing the proposals and results of these researches within an experimental approach. Computer-aided performances were produced on the basis of musical analyses and evaluated within listening experiments. The experimental approach was carried out with the RUBATO Software for Musical Analysis and Performance. In the concept of the software the transformation of analytical data into the shaping of performances is modeled with the help of so called analytical weights. Computer-based performances are generated on the basis of these weights. The dissertation focuses on the relation between analysis and performance concerning metric structures. It introduces a notion of metric coherence based upon the mathematical model of inner metric analysis implemented in RUBATO. Inner metric analysis studies the metric structure of the notes of a given piece without considering the time signature and bar lines and is opposed to outer metric structure given by the accent hierarchy of the bars. The analysis results in a metric weight for each note of the score. The notion of metric coherence describes the correspondences of varying degrees between the outer and inner metric structure. As a result of the explorative work with the model, a higher degree of coherence was detected within those works, which are typical representations of the accent scheme given by the time signature. Furthermore metric ambiguities, as those in the works by Johannes Brahms, can be described as a divergence between inner and outer metric structure. The dissertation furthermore explores the question, as to how far metric analysis might serve as a basis for decisions about interpretations. This includes the discussion of theoretic approaches (e.g. Riemann) in order to study findings, methods and questions of performance theory, which can be related to and tested within experiments with RUBATO. In a first approach complex performances have been shaped on the basis of various analytic weights for two piano pieces. They have been performed on a Yamaha Diskpiano and have been evaluated within listening experiments regarding their musical adequacy. In order to gain a precise description in how far metric weights might help to shape a performance that elucidates the metric structure to the listeners, an experiment is described in which questions were formulated as if they were ear-training tasks. Drum rhythms were played with various structures of accentuation, arising from metric weights of different degrees of coherence. As the outcome of the experiment a relationship was detected between metric coherence and the understanding of the corresponding interpretation by the listeners. Metric weights of higher degree of coherence led to a more convincing interpretation regarding the question in how far the metric structure was expressed properly. These results may be taken as an indication for a relationship between analytical structures of the score and the understanding of the performed music by listeners through suitable expression of these structures within a performance. The underlying model concerning metric structure does not claim to model the cognitive aspects of understanding metrics in the first place, instead it aims at the description of structural features of the score. Hence the notion of metric coherence is a music-theoretical term. It has been tested empirically by applying it to various compositions of different styles. The evaluation within the listening experiments furthermore enlightens the suitability of the metric weights to transfer structural aspects to listeners. Therefore the analytic interpretation contributes to actual efforts within musicology to close the gap between empirical studies without a sufficient theoretical background, and theoretically complex models which, by their very complexity, are unable to be empirically tested. | |